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I.V. Nuss, R-O-N=O
Moderation: Elisabeth R. Hager
CW: Transhass, Selbstmord, Gore, Drogen, Tod
Rot wie ein Gefahrenhinweis hebt sich der Buchtitel vom Schwarz-Weiß des Titelbildes ab, das zwei Furries in freier Wildbahn zeigt. Sie lehnen an einem Baumstamm und sind im Begriff, übereinander herzufallen. Damit ist allerdings noch nicht viel gesagt, denn das Bedeutungsspektrum des Übereinanderherfallens ist bekanntlich groß. Handelt es sich um eine Szene der Aggression? Dann werden sie einander verschlingen. Handelt es sich um eine Szene der Zärtlichkeit? Dann werden sie sich enger aneinander schlingen. Vielleicht besteht ihre Lektion aber auch schlicht darin, dass solche Ambivalenzen – auch auf sexuellem Terrain – auszuhalten und Grenzlinien nicht mehr ohne weiteres zu ziehen sind.
Dass das Titelbild ausgerechnet mit einer Nachtsichtkamera aufgenommen wurde, reißt die Leser:innen ins Reich der Träume und Fieberträume, dem dann auch Titel und Untertitel als Ortstafeln dienen: R-O-N=O. Eine Dissoziation. Es handelt sich hier um die allgemeine Strukturformel für Alkylnitrite, zu denen auch jene halb legalen, halb illegalen Substanzen gehören, die in der MSM-Szene besser unter dem Namen ‚Poppers‘ bekannt sind und deren gefäßerweiternde, aphrodisierende und schmerzhemmende Wirkung ihre Beliebtheit beim Analsex erklärt. Mit einem Text, der sich solcherart als eine chemische Verbindung etikettiert, die ins intimste Körpererleben eingreift, erinnert I.V. Nuss daran, wie rauschhaft Lesen sein kann. R-O-N=O reiht sich in eine neue Gruppe literarischer Wirkstoffe ein; ist Roman, Tagebuch, Transitionsbericht, Essay und Kulturgeschichte der Furries in einem. „Dissoziation“ ist hier schon deshalb Formprinzip, weil der fragmentarische Text durchgehend ein ‚Du‘ anspricht, das jede Distanz der Leser:innen zum Geschehen kollabieren lässt, ohne je ganz den Verdacht abzuschütteln, trotzdem noch Selbstanrede der Erzählstimme zu sein. Und wie Poppers, die dem Schließmuskel mit einem kurzen „Flash“ über die Schwelle von Verkrampfung und Entspannung, Schmerz und Lust verhelfen, changieren die Kapitel rasch und rauschhaft zwischen Leichtem und Schwerem; schallendem Gelächter und tiefer Verstörung. Man könnte dieses Wechselspiel auch als Dialektik des Furry bezeichnen. Selig ist, wer sich an weiches Fell schmiegt – verloren, wer die Krallen vergisst.
Ivy Valerie Nuss lebt als Autorin in Berlin. Ihre Familie ist nahe eines der größten und schönsten Atomkraftwerke Russlands aufgewachsen. Ihr ersten Roman Die Realität kommt erschien 2022, im Herbst 2025 folgte ihr zweites Buch R-O-N=O.
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