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- 22.02.22.02.202619:0019:00UhrJ.S. Bach "Johannespassion"MünchenResidenz München | Herkulessaal
Infos
Das Passionsoratorium nach dem Evangelisten Johannes in der Karfreitagsvesper 1724
Besonderheiten dieser Aufführung
Leonhard Lechner, Jakob Handl und Johann Sebastian Bach
J.S. Bach’s „Johannespassion“ hat in der Historie des Orpheus Chores eine ganz besondere Bedeutung: 1995 produzierte der Bayerische Rundfunk mit dem Chor eine sechsteilige Serie unter dem Titel „Wege zur Musik“, Bachs Johannespassion – Stationen und Strukturen. Den Text der Sendereihe schrieb Wieland Schmid, Idee, Redaktion sowie Regie: Erwin Reutzel. Vor 30 Jahren hatte also der Chor bereits ein intensives Erlebnis mit dem dramatischen Geschehen dieses Passionsoratoriums, als die analytische Betrachtung dieser Sendereihe dem Chor wie allen anderen Ausführenden die verdeckten Schichten der Komposition erschloss und so ein neues und intensives Verständnis für die Ausdrucksgewalt und Bedeutung des Werkes schuf. Die Musikwissenschaft förderte viele neue Erkenntnisse zu Tage, welche der verschiedenen Fassungen der Komponist wohl selbst bevorzugte, und kam zu dem Ergebnis, dass die Johannespassion für Bach wohl eine Art „Work in Progress war“. Unsere heutige Aufführung verwendet die sogenannte 1. Fassung, zu der sich der Komponist als seine eindeutig bevorzugte bekannt hatte. In der zweiten Fassung z.B. erscheint Jesus nicht als „Herr unser Herrscher“ – dies ist aber der zentrale Inhalt des Johannes-Evangeliums Schon durch die Wahl des Schlusschores aus dem ersten Teil der Matthäuspassion „Kommt ihr Töchter, helft mir klagen“ als Eingangschor für die Johannespassion in der zweiten Fassung ergibt eine gänzlich andere Sichtweise auf das Evangelium. In der von Bach opernhaft expressiven Vertonung werden wir alle in einen Bann gezogen, Musiker wie Hörer, dem man sich nicht entziehen kann. Erschreckend sind die Parallelen der machtpolitischen und gesellschaftlichen Vorgänge zur heutigen Situation. Die Schilderungen wie grausam Menschen mit Menschen umgehen und welchen Gefahren, Ängsten und Wirren Menschen ohne eigene Schuld ausgesetzt sind, verstört uns zutiefst. “Käme doch über solche Sachen die Welt ins Klare“ – so hat sich Robert Schumann zu Bachs Johannespassion geäußert, als er das Werk 1849 in Düsseldorf aus der Versenkung holte und wieder zur Aufführung brachte. Diese Worte weisen gerade heute eine erschreckende Aktualität auf. „Was ist Wahrheit“ – diese Frage stellt Pilatus Jesus angesichts seiner Verurteilung, und nicht nur diese Ungeheuerlichkeit lässt uns mit schauderndem und ohnmächtigem Gefühl die Vorgänge in unserer Zeit spüren. Die heutige Aufführung übernimmt einige charakteristische Teile aus der Gestaltung der Karfreitagsvesper in Leipzig 1724. Bach hat in seiner Partitur schriftlich vermerkt: erster Teil „Vor der Predigt“ - zweiter Teil „Nach der Predigt“. Zwischen erstem und zweitem Teil fand unter anderem die Predigt statt, davor ein gemeinsames „Vater unser“ und ein Gemeindelied. Die Vertonung der „Deutschen Sprüche von Leben und Tod“ (Georg Rodolf Weckherlin, 1584 – 1653) durch Leonhard Lechner im Jahr 1606 gestalten wir als in Musik gesetzte mögliche Gedanken einer Predigt, bevor nach Bachs Gepflogenheit von Jakob Handl (1550-1591) die Motette „Ecce quomodo moritur iustus“ als „geistlicher Impuls“ in den Beginn des zweiten Teils des Passionsoratoriums einstimmt.
Gerd Guglhör
Residenz München
Residenzstraße 1
80333 München
